Holzminden (msp). Willi Ostermann ist keiner, der viel über sich selbst spricht, wenn man ihn fragt, wie alles angefangen hat. Er erzählt dann von Stationen, von Jobs, von Entscheidungen und Ereignissen – die Motivation hinter all seinen Taten muss man erst herauskitzeln. Wo seine Geschichte beginnt? Vielleicht bei dem Zehnjährigen, der Verantwortung übernommen hat, weil es eben nötig war. Der sich um seine Geschwister kümmerte, während die Eltern arbeiten waren. Eine prägende Zeit, die ihn in gewisser Weise auf sein weiteres Leben vorbereiten sollte.
Ein Generationenwechsel mit besonderem Hintergrund
Es ist Mai 2026. Mit einem großen metallenen Schlüssel übergibt Willi Ostermann seinem Sohn Stefan symbolisch die operative Leitung des Unternehmens Ostermann Fahrzeugteile & Industriebedarf. Offiziell wurde die Nachfolge zum 1. Mai, rückwirkend zum 1. Januar, geregelt. Was nach einem klassischen Generationenwechsel aussieht, ist in Wahrheit ein Übergang, der nicht über Jahre geplant wurde, sondern durch eine plötzliche Zäsur im Leben des Gründers beschleunigt worden ist: eine Krebsdiagnose Ende 2024.
„Ich konnte in der Zeit nicht und Stefan musste. Ich habe dann auch mit unseren beiden ältesten Mitarbeitenden Dagmar und Andreas gesprochen, die meinten, der Stefan mache das so gut. Das war für mich sehr beruhigend, sodass es hinterher unsinnig gewesen wäre, wenn ich da wieder zwischen herumgefummelt hätte. Daraufhin haben wir uns zusammengesetzt.“
Seit 20 Jahren arbeitet Stefan bereits im Familienunternehmen, 2012 wurde er Mitgesellschafter.
„Ich habe eigentlich immer schon gesagt, dass ich irgendwann vom Papa die Firma übernehmen möchte. Ambitionen, irgendwas anderes zu machen, hatte ich eigentlich nie“, erzählt Stefan.
Zwei Wege, ein Ziel
Unterscheiden tun sich Vater und Sohn in ihrer beruflichen Laufbahn aber durchaus. Während der eine am liebsten in der Werkstatt steht und an Lkw herumschraubt, hat der andere die Kfz-Lehre nach eineinhalb Jahren hingeschmissen.
Willi merkte damals schnell, dass das nicht sein Weg ist. Er wechselte ins Kaufmännische. In eine Welt, in der man mit Menschen arbeitet, mit Zahlen, mit Entscheidungen. Dort trifft er auf einen Vorgesetzten, der ihn prägt. Einer, der ihn nicht nur laufen lässt, sondern auch sagt, wenn etwas falsch ist.
Dann die Bundeswehr. Logistik. Strukturen. Abläufe. Dinge in Bewegung bringen, damit sie ankommen. Auch das bleibt hängen. Seit 1980 ist er in der Ersatzteilbranche tätig. Erst im Innendienst. Später wurde ihm der Außendienst nahegelegt. „Einfach so, von einem Tag auf den anderen, ohne Vorbereitung raus. Da habe ich viel Schläge gekriegt da draußen, weil der Kunde, der in den Laden kommt, ein anderer ist als der, zu dem man fährt. Aber das hatte ich schnell raus und konnte auch damit umgehen.“
Er ist viel unterwegs, lernt Kunden, Märkte und Regionen kennen. Er bekommt mehr Verantwortung als Verkaufsleiter und wächst daran.
Der Sprung in die Selbstständigkeit
Als Anfang der 90er-Jahre neue Strukturen bei seinem bisherigen Arbeitgeber entstehen und Gebiete anders verteilt werden sollen, kommt es zum Bruch. Willi entscheidet sich zu gehen.
Ausgestattet mit allen Fähigkeiten, die man braucht, gründet er am 1. Juni 1995 sein eigenes Unternehmen in Holzminden. Nur ein paar Kleinigkeiten fehlten ihm noch. „Ich hatte keinen Mitarbeiter, keine Lieferanten, keine EDV, kein Lager. Ich hatte gar nichts.“ Innerhalb eines Monats gelingt es ihm jedoch, Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten mitzunehmen und alles ins Rollen zu bringen. Die drei Standbeine, die für ihn ein funktionierendes Unternehmen ausmachen. „Und wenn eines von den dreien nicht funktioniert, hast du ein Problem.“
Der Mut dafür? Gewachsen in dem Zehnjährigen, der seine kleinen Geschwister wickeln musste.
Familiär statt größer werden
Von da an wächst das Unternehmen Schritt für Schritt. Mittlerweile sind sie zudem einer der größten deutschen Vertriebspartner von Linde, dem Weltmarktführer für Industrie- und Prozessgase. Zuverlässigkeit, Beständigkeit und ein respektvolles Miteinander machen die Firma Ostermann aus. Fluktuation unter den Mitarbeitenden gibt es kaum. Das Team ist eingespielt. Teils seit 30, 28 oder 10 Jahren sind sie dabei. Größer werden wollen sie nicht. Es soll familiär bleiben.
Wenn helfen wichtiger ist als verdienen
Das Kerngeschäft: Ersatzteile besorgen. Aber das Herz schlägt an anderer Stelle. „Das Interessante ist dann, wenn keiner kann und irgendwer Hilfe braucht, einfach helfen zu können in dem Moment. Das ist ein großer Ansporn“, erzählt Stefan.
„Möglich macht das unser tolles Netzwerk, das wir uns über die Jahrzehnte aufgebaut haben, und unsere Lieferanten. Einfach vernünftige Menschen zu kennen, die man auch in der Not anrufen kann. Abends, am Wochenende oder auch zu Weihnachten“, schließt Willi an.
In Erinnerung geblieben sind dabei vor allem die 100.000 Kabelbinder zum Weihnachtshochwasser 2023 oder die 25.000 Masken, die Willi zur Coronazeit für den Landkreis Holzminden organisiert hat. „Da bin ich an einem Sonntagnachmittag nach Frankfurt gefahren und habe die vom Flughafen abgeholt.“
Das Ganze war nicht risikofrei. Mit einer beträchtlichen Summe in Vorleistung zu gehen und nicht zu wissen, ob die Masken auch wirklich ankommen, erforderte Mut. Aber warum ein solches Risiko eingehen?
„Das ist ja nicht das Geldverdienen daran, sondern die Situation zu lösen. Dinge zu beschaffen und zu regeln, wenn es nicht weitergeht. Das ist unsere Aufgabe. Das macht mir ein gutes Gefühl.“
Hilfe in Krisenzeiten
Der Drang zu helfen bringt ihn auch in eine gefährliche Situation. „Das war, glaube ich, in meinem Leben die größte Angst, die ich je hatte. Als die da standen mit Kalaschnikows. Die sprachen kein Englisch. Wir natürlich auch kein Ukrainisch.“ Verbandskästen und Medikamente, gespendet von Unternehmen aus der Region, bringt Willi gemeinsam mit einem Bekannten sicher über die Grenze in die Ukraine hinein.
Auch abseits des Unternehmens hat Willi Ostermann viel bewirkt. Er war im Vorstand des MTV Bevern aktiv, hat 2008 gemeinsam mit der Verkehrswacht, dem damaligen Polizeichef Uwe Lange und Uwe Schünemann ein Fahrsicherheitstraining für 300 Jugendliche organisiert und war Mitinitiator des Public Viewings zur WM 2006 auf dem Gelände der Brauerei Allersheim, das zusammen mit Kirsten Gerberding auf die Beine gestellt wurde.
Rückschläge und Durchhaltewillen
Beruflich gab es jedoch auch Rückschläge. 2011/2012 wird ein solcher Moment. Ein wichtiger Lieferant fällt weg, Umsätze brechen ein, Strukturen geraten unter Druck. Es ist eine Phase, in der vieles gleichzeitig wackelt. Aber der Wille weiterzumachen ist da.
„Ich habe schon einen starken Willen, ob es beruflich ist oder von jetzt auf gleich mit dem Rauchen aufzuhören. Das ist einfach so.“
Die nächste Generation übernimmt
Stolz ist Willi auch auf seine Familie. „Wir sind schon eine starke Familie, eine tolle Familie. In den letzten Jahren hat es schon mal Reibereien zwischen Stefan und mir gegeben, aber unsere unterschiedlichen Wege führen letztendlich immer zum gleichen Ziel.“ Ohne seine Frau Gaby wäre vieles nicht möglich gewesen. „Was nützt es, wenn man so viel unterwegs ist, aber nirgendwo ankommen kann. Ich bin froh meine Frau Gaby zu haben, die mir immer den Rücken freigehalten hat und mein sicherer Hafen war und ist.“
Die Firma in die nächste Generation zu übergeben, mache ihn stolz.
Willi bleibt im Hintergrund. Als Berater, als Ansprechpartner, manchmal noch mitten im Geschehen, aber nicht mehr als treibende Kraft. Vier bis fünf Tage im Monat ist er seit letztem Jahr freiberuflich für die Firma Havel-Metal Foam tätig. Vertriebler durch und durch, aber alles in ruhigeren Bahnen.
„Ich kann mir meine Zeit selbst einteilen und ich mache das dieses Jahr und vielleicht nächstes Jahr noch, und dann schaue ich einfach mal.“
Und dann ist da auch noch sein neuestes Projekt: die Dorfhilfe mit Herz in Bevern, die er gemeinsam mit Karsten Streicher, Carsten Reinecke und Volker Lönneke ins Leben gerufen hat. Seine Tochter am Bodensee und sein Sohn in Texas wollen ebenfalls besucht werden. Zusammen mit seiner Frau möchte er reisen, kochen und einfach eine schöne Zeit verbringen. Langweilig wird ihm sicher nie.
Foto: msp